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Zusammenfassung: Bewertungen werden zu Geschenken – wenn sie auf ein GFK-Bewusstsein treffen. Wir können jederzeit entscheiden, ob wir „Geschenke auspacken“ oder auch deren „Empfang verweigern“. Ob Bewertungen letztlich lebensdienlich werden, liegt also immer in unserer Hand. Bewertungen selbst als „nicht gut“ zu bewerten ist natürlich ein Selbstwiderspruch. Bewertungen können uns einander näher bringen, wenn wir realisieren, dass sie zuerst einmal Nachrichten aus der Welt des Bewertenden sind – und sie nicht wirklich so viel über uns aussagen. Besonders Erfahrungen und Empathielücken im Zusammenhang mit „Macht über“-Strukturen und mit Selbstwertthemen machen es nicht leicht auf Augenhöhe zu bleiben, wenn wir bewertet werden oder bewerten.

Bewertungen als Geschenke

Kannst Du das Geschenk darin sehen, wenn jemand zu Dir sagt: „Du bist aber egoistisch“? Oder reagierst du verteidigend und erwiderst: „Das war überhaupt nicht egoistisch!“ Oder auch – GFK-informiert: „Das ist jetzt aber ein moralisches Urteil und kein Werturteil“.

Das Geschenk können wir erst auspacken, wenn wir der Bewertung mit Offenheit und Empathie begegnen können. Meiner Erfahrung nach sind viele Menschen in der GFK- und Achtsamkeitsszene Bewertungen gegenüber jedoch nicht sehr aufgeschlossen. „Oh, jetzt habe ich schon wieder bewertet“ höre ich Menschen regelmäßig entschuldigend sagen. Manchmal scheinen Menschen die GFK sogar so zu verstehen, dass es gerade darum ginge, nicht mehr zu bewerten. Mit solch einer Perspektive erliegt man einem Selbstwiderspruch, der Vielen überraschenderweise gar nicht aufzufallen scheint: Ist es etwa keine Bewertung, das Bewerten negativ zu bewerten? (Wie bewertest Du eigentlich das Bewerten?)

Was ist nun das Geschenk in „Du bist aber egoistisch“? Zuerst einmal: Wie geht es mir mit diesem Geschenk, dessen Inhalt ich noch nicht ausgepackt habe. Die Verpackung löst vielleicht bereits etwas bei mir aus. Wenn ich mir selbst empathisch zuhöre, kann ich z.B. spüren, dass ich ärgerlich bin, weil ich denke, nicht angenommen zu werden. Ich komme also dem Bedürfnis nach Akzeptanz in mir nahe, dass sich (wieder einmal) meldet und wahrgenommen werden will.

Auspacken kann ich Geschenke ganz einfach auf Grundlage der klassischen vier Schritte der GFK. Was versteckt und offenbart denn der Bewertende in der Bewertung:

1. Welche Beobachtungen?

2. Welches Gefühl?

3. Welches Bedürfnis?

4. Welche Bitte?

Alle Bewertungen sind zuerst einmal ein Ausdruck von zugrundeliegenden Bedürfnissen – und damit ein Geschenk. Sie sind ein allgegenwärtiger Ausdruck in unserer Kultur. Natürlich bleiben Bewertungen oder Urteile oft ein „tragischer Ausdruck von unerfüllten Bedürfnissen“, wie Marshall es nannte. Sie tragen dann nicht dazu bei, dem Leben zu dienen – solange ihnen niemand mit einem GFK-Bewusstsein begegnet. Wenn dies jedoch jemand macht (egal wer), dann können wir uns selbst und anderen näher kommen, uns kennenlernen, uns tiefer begegnen. Wie „lebensdienlich“ ich mit einer Bewertung umgehe, liegt zu 100 % in meiner Verantwortung. Wenn ich das Geschenk annehme, kann ich meine Beziehung zu mir oder einem anderen Menschen weiter entwickeln. Aber ich bin natürlich auch frei darin, jederzeit die Annahme zu verweigern und Geschenke nicht auszupacken.

Durch Bewertungen zeigen sich zuerst einmal die Bewertenden selbst

Oft gibt es Streit über unterschiedliche Bewertungen: „Nein, das ist falsch.“ „Nein, das ist so, weil …“ – über Bewertungen lässt sich ewig streiten. Bewertungen sind keine Beobachtungen und Fakten, sondern es gibt „meine“ oder „deine“ Bewertungen (über eine Situation, eine Sache, einen Menschen, einen Weg, ein Ziel etc.). Besser als über Bewertungen zu streiten (und Recht haben zu wollen), machen wir uns stattdessen bewusst, dass eine Bewertung „aus der Welt“ des Bewertenden kommt.

Aber Bewertungen können natürlich auch eine Rückmeldung sein. Mit einem GFK-Bewusstsein höre ich die Rückmeldung nicht als Information darüber, wie ich bin, oder wie mein Verhalten ist, sondern wie ich zu den Bedürfnissen von jemand anders beigetragen habe – oder halt auch nicht. Eine „positive“ Bewertung bekommen viele Menschen sehr viel lieber als ein „negative“. Aber kann ich mich wirklich entwickeln, wachsen und lernen, wenn ich nur offen bin für „positive“ Rückmeldungen?

Was macht es eigentlich so schwer mit „negativen“ Bewertungen umzugehen? (Oder auch mit „positiven“, wenn ich mir aufgrund meiner GFK-Schulung angewöhnt habe, auch die Annahme „positiver“ Bewertungen zu verweigern.)

Woher kommt eigentlich die Angst vor Bewertungen, oder auch die Angst selbst zu bewerten?

Bewertungen im Kontext von Macht

Viele von uns haben Bewertungen in „Macht über“-Strukturen kennengelernt. Unsere Eltern und LehrerInnen haben uns bewertet – und wir haben dies oft als Macht über uns erlebt. Wir wurden nicht gesehen, verstanden, gehört – unsere Bedürfnisse spielten oft keine große Rolle: Wir sollten „einfach ruhig“ sein und „anständig“ essen (und erlebten dafür Liebe), wir mussten Mathematik lernen und wollten möglichst gute Noten bekommen (um Wertschätzung zu erfahren).

Wenn wir heute bewertet werden kann es sein, dass uns die aktuelle Situation mit schmerzlichen Erfahrungen in Kontakt bringt: mit der Angst, die wir gegenüber Menschen oder Situationen verspürten, die „Macht über“ uns hatten. Vielleicht kommen wir auch mit Scham oder Ärger in Kontakt, wenn wir uns an vergangene Situationen erinnern.

Viele von uns wollen nicht mehr in einer solchen „Macht über“-Welt leben. Uns ist es dann eventuell auch unangenehm, in eine Machtposition zu kommen, in der von uns erwartet wird, das wir andere bewerten oder führen, sei es z.B. als Eltern, Lehrer oder Chefs.

Aber können wir dieser Angst begegnen und die Empathie bekommen, die wir brauchen, wenn wir einfach die Annahme der Geschenke verweigern? Verwechseln wir nicht die Angst vor Bewertungen mit unserer Angst vor der „Macht-über“-Welt? Finden wir dahinter nicht vielmehr eine Angst vor Beziehungen, in der unsere Bedürfnisse nicht ausreichend vorkommen, wir uns ausgeliefert sehen und uns ohnmächtig fühlen?

Negative Bewertungen gehen uns an den Selbstwert

Zumeist haben wir gegen „positive“ Bewertungen nichts einzuwenden. Was aber, wenn wir nicht solch angenehme Form der Wertschätzung erfahren? Was passiert in uns, wenn wir kritisiert werden und eine „negative“ Rückmeldung bekommen?

(Wenn Du magst: Verbinde Dich mal kurz mit einer Situation, die wirklich schmerzhaft für dich war. Schau was in Dir auftaucht: Welche Gefühle? Welche Gedanken?)

Wenn jemand „Du bist aber egoistisch“ zu Dir sagt, hörst Du dann vielleicht auch „Du bist falsch“? Kratzt es an Deinem Selbstwert? Hörst Du nicht nur eine Rückmeldung zu Deinem TUN, dass Du also – in den Augen von jemand anders oder entsprechend festgelegter Kriterien – etwas falsch gemacht hast? Hörst Du auch, dass Du als Mensch irgendwie falsch bist (nichts wert / nicht o.k.“ etc.)? Scheinen also durch eine Bewertung Dein SEIN, Deine Würde und Deine Einzigartigkeit bedroht? Kommst Du also damit in Kontakt, dass Du gerade keine bedingungslose Liebe für Dich selbst aufbringen kannst?

(Wenn Du magst, reflektiere mal darüber, wie das bei Dir ist? Wie oft hörst du, das Du nicht o.k. bist, etwas an Dir falsch ist?)

Wann immer unser SEIN und unseren Selbstwert schmerzhaft tangiert werden, können wir in Bewertungen kaum noch ein Geschenk sehen, sondern die Bewertung wird dann scheinbar zu einer Bedrohung.

Daher ist es so wichtig die Ebene des SEINs von der des TUNs zu trennen. Wenn wir miteinander auf Augenhöhe kommen wollen, ist es wesentlich zu bemerken, wenn wir auf der Ebene des SEINS und des Selbstwerts berührt und „getroffen“ sind. Dann wollen wir als Mensch gesehen und gehört werden, wir brauchen zuerst einmal Schutz, Empathie und Liebe (von uns selbst oder anderen).

Und auch wenn jemand eine Kritik von mir nicht als Rückmeldung zum TUN, sondern als Rückmeldung zum SEIN hört, ist es gut dies zu bemerken und eine Grundregel der GFK zu beherzigen: „Verbindung vor Korrektur.“ Dann geht es darum, zuerst wieder eine Verbindung von Mensch zu Mensch herzustellen, z.B. indem ich dem anderen empathisch (und nicht-urteilend) zuhöre.

Augenhöhe herzustellen ist schwierig – und braucht viel Klarheit und Empathie

Ich hoffe, durch diese Zeilenist klarer geworden, warum so viele Menschen (und vielleicht auch Du ebenso wie ich) es mit „negativen“ Bewertungen und Kritik schwer haben: Es werden dadurch so vieleunangenehme Gefühle ausgelöst (die wir nicht gern haben), und „Empathielücken“ berührt, die vor allem mit den tiefen Themen um Macht und Selbstwert zu tun haben (und sehr schmerzhaft sind).

Je mehr Bewusstheit wir mitbringen, wenn wir bewertet werden oder bewerten, umso leichter können wir lernen, mehr und mehr Geschenke ein- und auszupacken. Je mehr Empathie wir für unsere schmerzhaften Erfahrungen mit „Macht über“-Strukturen bekommen, und je mehr wir unser SEIN und unseren Selbstwert nähren, umso entspannter können wir mit Bewertungen umgehen lernen – und einander immer näher kommen und auf Augenhöhe begegnen.

 

veröffentlicht in: Empathische Zeit 3/2017

Anmerkung: Infos zur Veranstaltungen „Lebensdienlich bewerten“ findet sich übrigens hier.

Foto: Gänseblümchen _pixelio.de