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(Wieder hat ein Teilnehmer einen eigenen Text in einem Kurs geteilt. Dieser war Teil des Gefühlsmoduls zu Freude im Juni. Einen Dank an Michael für die Erlaubnis ihn hier zu  veröffentlichen – und weiterhin viel Freude beim Beobachten und Schreiben.)

Frohsinn und Heiterkeit (KW 24)

Hier am Ufer des Treptower Parks in Berlin liegen nebeneinander zwei Schiffe am Steg. Das eine ist auf Heiterkeit, das andere auf Frohsinn getauft. Heiterkeit und Frohsinn. So sind die Sehnsüchte der Menschen. Eitelkeit und Schwachsinn. So will wohl niemand sein Schiff nennen. Es hat auch ein wenig mit Aber- und Beschwörungsglaube zu tun. Man will ja das Schöne, Gute, das Leichte herbeirufen – nicht das traurig Wahre, davon gibt es schon genug. Man erinnere sich nur an das Passagierschiff Costa Concordia, wo Eintracht mit der Küste nachgerade absurd traurige Realität wurde.

Nicht weit von diesem Steg Spree aufwärts liegen vor der Halbinsel Stralau dicht nebeneinander zwei winzig kleine Inseln. Sie geben im Gegensatz zu den Schiffen ein ungleicheres Namenspaar ab: da ist zum einen die Liebesinsel, die sich noch harmonisch zu den Schiffen gesellt, und Kratzbruch. Ein Kontrast wie das Leben oder die Ehe oder was auch immer. Ein bisschen klingen die Inseln wie Rausch und Kater, Plüsch und Kitsch, Traum und Krampf, Schweben und auf die Fresse krachen, Zärteln und Krätze. Jedenfalls bewirkt diese sonderbare Insel mehr Frohsinn und Heiterkeit bei mir als die anderen drei Wasserumschlossenen, auf denen man am ehesten und trefflichsten noch Volksmusikfernsehsendungen inszenieren könnte. Was könnte man auf Kratzbruch inszenieren? Mir fällt erst einmal nichts ein. Diese Insel stellt eher eine Art erdender Kommentar dar, eine kritische Protestnote gegen die Harmonie-sehnsüchtige Liebhuddelei. Wenn diese einseitig kitschig zu werden droht freilich. Sie ist ein Platzhalter für den Kotzkrampf, den es auch gibt. Sie ist auch eine Insel. Sie ist einfach auch da.

Michael Ganter